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Natursoziologie?

Was hat die Soziologie mit Natur zu tun? Mehr als es auf den ersten Blick scheint. Denn das, was wir unter „Natur“ verstehen, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein reichlich artifizielles, in sich widersprüchliches Konstrukt. Für manchen existiert sie so gut wie gar nicht mehr auf Erden, für andere ist letztlich alles Natur. Mal ist sie übermächtig, mal ein schutzloses Bambi, mal Objekt, mal Subjekt, mal "Mutter Natur", mal "schlägt sie zurück".
Was unsere Zeitgenossen gerade meinen, wenn sie von Natur sprechen, hängt von den jeweiligen Gegebenheiten, von Kultur und Subkultur, vor allem aber von ihren aktuellen Interessen und sozialen Bindungen ab. Der Mensch ist halt sowohl ein Sozial- als auch ein Naturwesen, und beides lässt sich nicht einfach auseinanderdividieren - schon gar nicht von denjenigen, die sich mittendrin befinden. Das macht „Natur“ zu einem grundsätzlich multiwissenschaftlichen Thema.

Natur-Wissenschaft mit anderen Mitteln

Das gilt umso mehr, als die vordergründig allein zuständigen Naturwissenschaften nichts darüber sagen, was Natur ist, sondern nur, wie sie funktioniert. Das war eine grundlegende Bedingung ihrer enormen, aber einseitigen Erfolge. Die Seite natursoziologie.de versteht sich als Beitrag zur Erweiterung des Blickfeldes mit sozialwissenschaftlichen Mitteln. Das heißt andererseits nicht, dass es hierbei um die so oft heraufbeschworene "interdisziplinäre Verbindung von Natur- und Sozialwissenschaften" geht. Im engeren Sinne naturwissenschaftliche Fragen und Methoden sind nicht Gegenstand der vorliegenden Website. Die Vorgehensweise ist vorrangig eine sozialwissenschaftliche mit Ausflügen in verwandte Bereiche der Psychologie, Ethnologie und nicht zuletzt des praktischen Umgangs mit Natur.

Der in der Soziologie ebenso beliebte wie ausufernde Metadiskurs über Theorieansätze und Methoden bleibt auf das Nötigste beschränkt:

Ein fortgeschrittenes Beispiel

für eine kontimuierliche natursoziologische Forschung liefert "Natural England", eine für die nachhaltige Entwicklung der britischen Naturlandschaft zuständige Institution, mit ihrem bereits seit 8 Jahren im vierteljährllichen Abstand erhobenenen "Monitor of Engagement with the Natural Environment quaterly report" (MENE). Er dokumentiert Frequenzen und Ziele von Ausflügen der Bevölkerung in die natürliche Umgebung. Während zweier Jahre waren darin auch Jugendliche einbezogen. Einzelheiten in

"Wie weit geht die Naturentfremdung? Das Problem im Fokus britischer Kindheitsstudien"

Citizen Science?

Angesichts der Weite und Unerschlossenheit des Themenfeldes kann es derzeit nicht darum gehen, einzelnen Fragestellungen auf höchstem methodischen Niveau bis in jede Verästelung nachzugehen. Dazu fehlen die personellen und finanziellen Kapazitäten, wie sie etablierten Scientific Communities zur Verfügung stehen. Vielmehr kommt es darauf an, mit Hilfe von Anleihen bei Nachbarwissenschaften und nicht zuletzt auch aus einer naturnahen Praxis heraus provisorische Schneisen durch eine unbeackerte Flur zu schlagen. Die Autoren sind folglich vor allem Einzelgänger mit einem Hang zum Hinterfragen und Querdenken.
Letztlich entsteht dabei eine Art "Citizen Science" - allerdings nicht, wie häufig im Umfeld der Naturwissenschaften, als routinehafte Laien-Zuarbeit für einschlägige Forschungslinien im Rahmen elaborierter Wissenschaftsparadigmen, sondern als kreative Suche nach grundlegenden Fragen und Erkenntnissen, denen man eigentlich schon längst hätte nachgehen müssen.

Gastautoren sind willkommen

Das gilt insbesondere auch für die Verfasser von Studiengangs-Abschlussarbeiten, deren oft hart erarbeitete, aufschlussreiche Ergebnisse leider allzu oft dem Vergessen anheimfallen.

Quellenangaben zu den jeweiligen Literaturhinweisen finden sich im Literaturarchiv.
Kontakt: Redaktion natursoziologie.de